Zwischen historischer Verantwortung und modernem Action-Kino

Es gibt Geschichten, die immer wieder erzählt werden müssen, und solche, deren bloße Formel über Jahrzehnte hinweg das Publikum fesselt. Derzeit bieten die Streaming-Dienste Einblicke in genau diese beiden Extreme: Auf der einen Seite steht die längst überfällige deutsche Auseinandersetzung mit Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ bei Netflix, auf der anderen Seite feiert Amazon Prime Video mit „The Wrecking Crew“ das Erbe des Buddy-Movie-Genres.

Eine Lücke im deutschen Filmkanon schließen

Als Erich Maria Remarques Roman 1929 erschien, avancierte er sofort zum weltweiten Bestseller. Er erzählte schonungslos von einer Gruppe junger deutscher Soldaten, deren anfängliche Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg in den Schützengräben der Westfront grausam zerschlagen wird. Bemerkenswert ist, dass dieser Urtext der deutschen Pazifismus-Literatur zwar bereits 1930 von Lewis Milestone in Hollywood meisterhaft verfilmt wurde, eine deutsche Adaption jedoch jahrzehntelang auf sich warten ließ.

Für den Produzenten Malte Grunert, der das Projekt nun gemeinsam mit Regisseur Edward Berger realisierte, war dies ein kaum zu glaubendes Versäumnis. Für Grunert, der das Buch als Teenager und später als junger Erwachsener las, bleibt Remarques Werk das wichtigste literarische Gegenstück zu Ernst Jüngers kriegsverherrlichendem „In Stahlgewittern“. Dass es bis dato keine deutschsprachige Verfilmung gab, empfand er als schmerzhafte Lücke im kulturellen Gedächtnis.

Die Realisierung des Projekts glich dabei selbst einer kleinen Odyssee durch die Zeitgeschichte. Grunert stieß eher zufällig auf ein Drehbuch der in den USA lebenden Autoren Lesley Paterson und Ian Stokell. Diese hatten sich die Verfilmungsrechte von der New York University gesichert, welcher Remarques Witwe einst den Nachlass vermacht hatte. Die Publikationsrechte wiederum liegen bei der Agentur Mohrbooks. Diese Agentur, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in London gegründet, ermöglichte es Exilautoren wie Thomas Mann oder Vicki Baum, Lizenzen im Ausland abzurechnen, da ihnen der Zugang zu deutschen Verlagen verwehrt blieb. So schwingt in der Entstehungsgeschichte des Films die tragische Historie des 20. Jahrhunderts mit.

Das Erbe von „Lethal Weapon“: Action als Familiensache

Während Bergers Film versucht, die grausame Realität des Krieges einzufangen, widmet sich „The Wrecking Crew“ auf Prime Video einer ganz anderen Tradition: dem bombastischen Unterhaltungskino, das Shane Black einst mit „Lethal Weapon“ definierte. Blacks Drehbuch revolutionierte das Action-Genre, indem es den suizidalen Einzelgänger mit dem besonnenen Familienmenschen paarte – eine Formel, die Kassenhits wie „48 Hrs.“ oder „Running Scared“ erst möglich machte.

„The Wrecking Crew“ wandelt nun selbstbewusst auf diesen Pfaden. Dave Bautista verkörpert hier den soliden Part: James Hale, Ex-Navy SEAL, Drill-Instructor und Familienvater mit idyllischem Leben auf Hawaii. Sein Gegenpart ist Jason Momoa als sein Halbbruder Jonny, ein impulsiver, trinkfester Polizist aus Oklahoma, dessen Leben im Chaos versinkt. Die Handlung folgt den bewährten Genre-Regeln: Nach zwanzig Jahren der Entfremdung führt der gewaltsame Tod ihres Vaters – eines zwielichtigen Privatdetektivs – die ungleichen Brüder wieder zusammen.

Zwischen Verschwörung und Muskelspielen

Was folgt, ist ein Plot, der sich als Variation von „Chinatown“ entpuppt, angereichert mit korrupter Lokalpolitik und Immobilienspekulation. Temuera Morrison mimt den in die Verschwörung verwickelten Gouverneur, während Claes Bang als skrupelloser Tycoon agiert. Doch die eigentliche Stärke des Films liegt nicht im obligatorischen Kampf gegen Yakuza-Schergen oder Söldnertrupps, sondern in der Dynamik zwischen den Hauptdarstellern.

Momoa und Bautista, beide Absolventen der großen Hollywood-Superhelden-Schule, verleihen ihren Figuren eine überraschende Menschlichkeit. Trotz ihrer physischen Präsenz – im Film treffend als „zwei Typen, die Steroid-Pfannkuchen zum Frühstück essen“ beschrieben – gelingt es ihnen, verletzliche Momente zu kreieren. Die Mischung aus verbalen Sticheleien, die an Shane Blacks Dialogwitz erinnern, und brachialer Action funktioniert vor allem dank der Chemie der beiden Stars. „The Wrecking Crew“ erfindet das Rad nicht neu und erreicht vielleicht nicht ganz die Klasse von Blacks „The Nice Guys“, bietet aber solide Unterhaltung, die besser ist, als die Inhaltsangabe vermuten lässt.

So unterschiedlich diese beiden Produktionen auch sein mögen – hier das ernste Kriegsdrama, dort das augenzwinkernde Action-Spektakel –, so zeigen sie doch beide, wie sehr das moderne Kino davon lebt, vergangene Stoffe und Stile neu zu interpretieren und für ein heutiges Publikum aufzubereiten.