Zwischen Sumpf-Romantik und blankem Horror: Natur als Spiegel moralischer Abgründe

Die Leinwandadaption des Bestsellers „Der Gesang der Flusskrebse“ ist genau das geworden, was Kritiker befürchteten und Fans wohl erhofften: eine durch und durch sentimentale Schnulze. Wer auf nervenzerreißende Spannung hofft, sucht diese im Kinosaal vergebens. Die wahre Brisanz dieses Stoffes liegt ironischerweise nicht im Drehbuch, sondern in der realen Biografie der Autorin Delia Owens und einer möglichen Verstrickung in einen Mordfall.

Hochglanz-Ästhetik statt Schlamm und Elend

Zunächst zum Filmischen: Die Produktion, hinter der unter anderem Reese Witherspoon steht, hält sich sklavisch an die Kitsch-Ästhetik der Vorlage. Es gibt viel rauschendes Laub, Sonnenlicht, das malerisch auf der Wasseroberfläche glitzert, und elegante Vogelflüge, untermalt von einer rührenden Liebesgeschichte mit einer Prise Krimi-Spannung.

Erzählt wird die Geschichte von Kya, gespielt von Daisy Edgar-Jones, die in den 1950er Jahren in den Marschen North Carolinas aufwächst. Ihre Kindheit ist geprägt von familiärem Zerfall: Ein gewalttätiger Vater vertreibt erst die Geschwister, dann die Mutter, bis er schließlich selbst nicht mehr zurückkehrt. Kya bleibt allein in der abgelegenen Hütte zurück und muss sich fortan selbst versorgen, lediglich unterstützt von einem Schwarzen Ehepaar, das den lokalen Lebensmittelladen führt.

Doch die Inszenierung scheut den Schmutz der Realität. Obwohl Kya angeblich mittellos und ohne Strom lebt, gleicht ihr Auftreten eher einer Modenschau: Der Kleiderschrank scheint gefüllt mit faltenfreien Blümchenblusen, die Frisur sitzt in jeder Lebenslage perfekt. Daisy Edgar-Jones agiert dabei permanent mit dem Blick eines scheuen Rehs. Auch ihr Love-Interest Tate, verkörpert von Taylor John Smith, wirkt weniger wie ein Junge vom Lande, sondern vielmehr wie ein makelloses Model aus einem Abercrombie & Fitch-Katalog. Besonders in den Liebesszenen kippt die Naturnähe endgültig in den Kitsch: Beim ersten Sex steigen Zugvögel auf, das Licht ist golden, der Wind streichelt sanft die Bäume.

Der dunkle Schatten hinter dem Bestseller

Während der Film im Seichten bleibt, bietet die Entstehungsgeschichte des Romans weitaus düsterere Facetten. Das Buch war ein phänomenaler Erfolg: Weltweit gingen über 15 Millionen Exemplare über den Ladentisch, in Deutschland war es mit rund 700.000 verkauften Einheiten der meistverkaufte Belletristiktitel des Jahres 2021. Delia Owens, eine Zoologin und Tierschutzaktivistin, debütierte mit fast 70 Jahren als Romanautorin, nachdem sie lange Zeit mit ihrem Mann und Stiefsohn in Sambia Elefanten vor Wilderern geschützt hatte.

Genau hier, in der realen Vergangenheit, tun sich verstörende Parallelen auf. Eine Fernsehdokumentation aus dem Jahr 1996 über das Engagement der Familie Owens zeigt die Erschießung eines Wilderers. Wer die tödlichen Schüsse abgab, ist bis heute ungeklärt. Der Journalist Jeffrey Goldberg rollte den Fall 2010 neu auf und sprach mit Zeugen, die Delia Owens’ Mann Mark vorwarfen, im Kampf gegen Wilderer auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückgeschreckt zu sein. Die Familie Owens weist diese Anschuldigungen vehement zurück.

Natürlich verbietet es sich, fiktionale Werke direkt als Geständnis zu lesen, doch mit diesem Hintergrundwissen erhält die Handlung des Romans – und des Films – einen bitteren Beigeschmack. Auch im Buch stirbt eine Figur, die Böses getan hat und eine Bedrohung darstellt. Kya wird des Mordes verdächtigt und dient dem Dorf als perfekter Sündenbock.

Biologie als moralische Rechtfertigung

Besonders brisant sind bestimmte Passagen im Roman, die wie eine Rechtfertigung klingen. Während diese Schlüsselsätze im Film erst am Ende fallen, tauchen sie im Buch bereits im ersten Drittel auf. Kya beobachtet Leuchtkäferweibchen, die Männchen einer anderen Art durch falsche Signale anlocken, um sie zu fressen. Ihre Schlussfolgerung: Ein moralisches Urteil sei hier fehl am Platz. Die Biologie kenne kein Richtig oder Falsch, sondern nur das Überleben, selbst auf Kosten anderer. An anderer Stelle heißt es, dass im genetischen Code der Menschheit noch immer uralte Überlebensinstinkte in unerwünschten Formen fortbestehen. Einfach ausgedrückt: Fressen oder gefressen werden.

Ein anderer Blick auf Natur und Verderben: Berlinale-Premiere

Während „Der Gesang der Flusskrebse“ die Naturgesetze nutzt, um moralische Grauzonen romantisch zu verklären, schlägt der indonesische Filmemacher Joko Anwar einen gänzlich anderen, härteren Weg ein, um das Verhältnis von Mensch und Natur zu beleuchten. Sein neuer Film „Ghost in the Cell“ wird im Forum der Berlinale seine Weltpremiere feiern.

Anwar präsentiert eine Horror-Komödie, die in einem indonesischen Gefängnis spielt. Die Handlung folgt Insassen, deren Überlebensinstinkte auf eine harte Probe gestellt werden, als ein mysteriöser neuer Häftling eintrifft – begleitet von einer übernatürlichen Entität, die es auf jene mit der dunkelsten Aura abgesehen hat. Angesichts steigender Todeszahlen müssen die Gefangenen erkennen, dass nur kollektives Handeln ihr Überleben sichern kann.

Doch auch hier trügt der Schein des reinen Genre-Kinos. Anwar selbst betont in seinem Regie-Statement die tiefere Bedeutung: Unter der übernatürlichen Oberfläche verhandelt der Film die massive Abholzung in Indonesien und die Ignoranz gegenüber dieser Zerstörung. „Der Geist in diesem Film ist nicht nur eine Präsenz, die die Zellen heimsucht“, so Anwar, „sondern auch eine Erinnerung an die Konsequenzen, denen wir uns nicht stellen wollen.“ Wo Hollywood die Natur zum kitschigen Hintergrund für romantisiertes Überleben degradiert, wird sie im indonesischen Kino zur unerbittlichen Instanz, die Rechenschaft fordert.