Clint Eastwood: Der schweigsame Rebell und sein unterschätztes Meisterwerk

Bevor man Clint Eastwood überhaupt persönlich gegenübertreten darf, ziehen seine PR-Agenten im Hintergrund bereits klare Grenzen. Wenige Tage vor dem angesetzten Interview landet eine E-Mail im Postfach, die unmissverständlich festlegt, welche Themen absolut tabu sind. Fragen zur Familie? Unerwünscht – und das, obwohl Eastwoods Privatleben mit sieben Kindern von fünf Frauen und der 2013 gescheiterten Ehe durchaus Stoff bieten würde. Auch die Oscars sind kein Gesprächsthema, ungeachtet seiner vier Trophäen und der letzten Nominierung für American Sniper im Jahr 2015.

Besonders skurril wirkt die Anweisung, man möge doch bitte nicht fragen, wie er es schafft, im Alter von 86 Jahren noch immer zu arbeiten. Auch Politik und der amerikanische Wahlkampf stehen auf der schwarzen Liste. Um sicherzugehen, dass diese Botschaft ankommt, wird sie einem kurz vor dem Treffen noch zweimal persönlich eingeschärft. Doch während die Presseleute versuchen, den Mythos Eastwood abzuschirmen, spricht sein Werk eine ganz eigene, deutliche Sprache – und die geht weit über seine berühmten Western hinaus.

Mehr als nur Cowboys

Wer bei Eastwood nur an staubige Wüsten und Colts denkt, übersieht oft seinen massiven Beitrag zum Genre des Polit-Thrillers. Ein Paradebeispiel hierfür, das im umfangreichen Œuvre des Stars oft zu Unrecht in den Hintergrund gerät, ist der 1993 erschienene Film In the Line of Fire (deutscher Titel: In the Line of Fire – Die zweite Chance). Unter der Regie des Deutschen Wolfgang Petersen und nach einem Drehbuch von Jeff Maguire schlüpft Eastwood hier in die Rolle eines Mannes, der von seiner Vergangenheit gejagt wird.

Er spielt einen ehemaligen Secret-Service-Agenten, der schwer an seinem Versagen trägt: Er gehörte zu jener Einheit, die Präsident John F. Kennedy schützen sollte, und konnte das Attentat nicht verhindern. Jahre später reißt ein mysteriöser Anruf alte Wunden auf. Ein Unbekannter kündigt an, den amtierenden Präsidenten zu ermorden. Für den traumatisierten Agenten ist dies der Anlass, sich in den aktiven Dienst zurückzumelden und sich seinen Dämonen zu stellen.

Ein hochkarätiges Ensemble und deutscher Einfluss

Der Film besticht nicht nur durch seine Spannung, sondern auch durch eine Besetzung, die sich sehen lassen kann. Neben Eastwood glänzen John Malkovich als perfider Gegenspieler sowie Rene Russo, Dylan McDermott, Gary Cole, John Mahoney und Fred Dalton Thompson. Dass der Film sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik einschlug, überraschte im Nachhinein kaum. Bei einem Budget von rund 40 Millionen Dollar spielte der Streifen weltweit beeindruckende 187 Millionen Dollar ein.

Zwar ging Eastwood selbst bei den Academy Awards leer aus, doch die Qualität des Films wurde an anderer Stelle gewürdigt: Es gab Oscar-Nominierungen in den Kategorien Bester Nebendarsteller (Malkovich), Bestes Originaldrehbuch und Bester Schnitt. Wer heute auf der Suche nach einem intelligenten Polit-Thriller ist, macht mit diesem Werk sicher nichts falsch.

Pionierarbeit im digitalen Zeitalter

Interessanterweise schrieb In the Line of Fire nicht nur Film-, sondern auch Internetgeschichte. Er war einer der allerersten Filme, dessen Trailer online verfügbar gemacht wurde. Veröffentlicht auf der damals dominanten Plattform AOL, wurde der Clip innerhalb von anderthalb Wochen genau 170 Mal heruntergeladen.

Aus heutiger Sicht wirkt diese Zahl beinahe amüsant, wenn man bedenkt, dass ein neuer Eastwood-Trailer in derselben Zeitspanne millionenfach angeklickt wird. Doch in den frühen 90ern war dies ein Meilenstein. Auch wenn sich die digitale Welt seitdem radikal gewandelt hat, hat der Film selbst nichts von seiner Wirkung verloren und besteht den Test der Zeit mit Bravour.