Netflix zieht den Stecker: Prominente Absetzungen und der Blick zurück auf echte Serienperlen

Während der Streaming-Riese Netflix aufgrund ernüchternder Zahlen kurzen Prozess mit aktuellen Produktionen macht, lohnt sich ein Blick darauf, was eine Serie eigentlich erst zum Erfolg macht – sei es durch feministisches Storytelling, authentische Milieustudien oder genialen britischen Humor.

Das schnelle Aus für „The Abandons“ und Vince Staples

Netflix setzt seine harte Linie fort und verzichtet auf weitere Staffeln des Neustarts The Abandons sowie der Comedy-Serie The Vince Staples Show. Dies geht aus dem gestern veröffentlichten Halbjahresbericht „What We Watched“ hervor, der die Zuschauerzahlen von Juli bis Dezember 2025 beleuchtet und den Entscheidungen des Streaming-Anbieters den nötigen Kontext liefert.

Besonders für das Western-Drama The Abandons sind die Zahlen ernüchternd. Trotz eines enormen Budgets und einer Starbesetzung mit Lena Headey und Gillian Anderson verzeichnete die Serie in den ersten 28 Tagen nach ihrer Premiere am 4. Dezember lediglich 19,8 Millionen Sichtungen. Zwar schaffte es die Produktion kurzzeitig in die Top 10 der englischsprachigen Serien – mit 7,4 Millionen Views in der ersten und 7,6 Millionen in der zweiten Woche –, doch das Interesse verpuffte schnell. In den folgenden 17 Tagen kamen nur noch magere 4,8 Millionen Aufrufe hinzu.

Das Projekt stand ohnehin unter keinem guten Stern: Die Kritiken fielen gemischt aus, und hinter den Kulissen gab es Turbulenzen, die im vorzeitigen Abgang von Schöpfer Kurt Sutter gipfelten. Lena Headey bleibt dem Streaming-Dienst jedoch erhalten und übernimmt eine Hauptrolle in Charlie Brookers neuer vierteiliger Detektivserie.

Auch für die zweite Staffel von The Vince Staples Show ist Schluss. Im zweiten Halbjahr 2025 landete die Comedy-Serie auf dem abgeschlagenen Platz 1.446 des Netflix-Rankings mit nur 1,7 Millionen Sichtungen seit dem Start im November. Zum Vergleich: Die erste Staffel erreichte über einen doppelt so langen Messzeitraum 4,6 Millionen Views. Obwohl Streaming-Veröffentlichungen meist „front-loaded“ sind – der Großteil also in den ersten 90 Tagen geschaut wird –, reichte es nicht für eine Fortsetzung. Dabei war die satirische Comedy, die lose auf dem Leben des Rappers basiert und von Kritikern mit einer Rotten-Tomatoes-Wertung von 94 % gefeiert wurde, durchaus ein qualitativer Lichtblick. Doch ohne breites Publikum nützen auch gute Kritiken im harten Streaming-Geschäft wenig.

Wenn True Crime unter die Haut geht: „Unbelievable“

Dass Quote nicht alles ist und Qualität sich langfristig ins Gedächtnis brennt, bewies Netflix in der Vergangenheit mit Produktionen wie Unbelievable. Mit dieser Miniserie schuf der Anbieter ein feministisches True-Crime-Format, das Maßstäbe setzte. Die Handlung basiert auf der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Reportage von T. Christian Miller und Ken Armstrong. Im Zentrum steht Marie Adler, die 2008 bei der Polizei meldete, nachts in ihrer Wohnung überfallen und vergewaltigt worden zu sein.

Das Erschütternde an der Geschichte: Die Ermittler schenkten dem 18-jährigen Opfer, einem ehemaligen Heimkind mit psychischen Problemen, keinen Glauben. Sie setzten die junge Frau so massiv unter Druck, bis diese ihre Aussage widerrief und behauptete, sich die Tat nur ausgedacht zu haben – was sogar zu einer Anklage wegen Falschaussage führte. Showrunnerin Susannah Grant inszeniert diese doppelte Viktimisierung eindringlich und zugleich sensibel. Im Gegensatz zu vielen anderen Formaten wird Marie, gespielt von Kaitlyn Dever, nie voyeuristisch zur Schau gestellt. Ein Glanzstück ist zudem das ermittelnde Duo, grandios verkörpert von Merritt Wever und Toni Collette. Die beiden Polizistinnen rollen den Fall Jahre später neu auf und decken Zusammenhänge auf, die den Titel der Serie mehr als rechtfertigen: einfach unglaublich.

Frankfurt statt Berlin: Der Überraschungserfolg „Skylines“

Auch der deutsche Markt hat abseits der üblichen Verdächtigen Beeindruckendes hervorgebracht. Skylines hatte es nach dem Erfolg von 4 Blocks zunächst schwer, sich zu behaupten, dabei übertrifft die Serie ihren Vorgänger in vielerlei Hinsicht. Auch hier gibt es Ehre, Respekt, Hip-Hop und echte sowie beinahe stattfindende Schießereien – gepaart mit einer ordentlichen Portion Bordsteinmelancholie. Der entscheidende Unterschied: Es spielt nicht in Berlin. Das gläserne Frankfurt am Horizont und das raue Leben auf dem Asphalt bilden eine Kulisse, die visuell interessant und herrlich verrucht wirkt.

Drehbuchautor Dennis Schanz beweist ein hervorragendes Gespür für Tempo und das Timing der Dialoge. Die Dynamik zwischen den Figuren trägt das Drama: Da ist Kalifa (Murathan Muslu), der um Anständigkeit bemühte Gangsterrapper mit Schreibblockade, und sein Gegenpart Ardan (Erdal Yıldız), der tatsächliche Gangster. Dazwischen steht Jinn (Edin Hasanović), ein talentierter Beat-Produzent, der langsam, aber unaufhaltsam in ein Geflecht aus Drogendeals, Wettbüros und schicksalhafter Loyalität hineingezogen wird und dabei seine Unschuld verliert. Skylines verzichtet auf grelle Effektheischerei und falsche Romantik. Es ist schlichtweg eine verdammt gute deutsche Serie – etwas, das man so vielleicht nicht erwartet hätte.

Die Kunst des Abschieds: „Fleabag“

Ein weiteres Beispiel für Serienkunst, die über bloße Abrufzahlen hinausgeht, lieferte Phoebe Waller-Bridge mit der zweiten Staffel von Fleabag. Es erscheint nur folgerichtig, dass sie später zur Beraterin für James Bond berufen wurde, denn ihre Titelfigur weist erstaunliche Parallelen zu 007 auf: äußerst promiskuitiv, bindungsunfähig und absolut respektlos gegenüber gesellschaftlichen Konventionen. Gleichzeitig ist Fleabag das verletzliche Kind einer zerbröckelnden Familie, beladen mit einer Schuld, die sie um jeden Preis zu verdrängen sucht. Ihre Flucht nach vorn macht selbst vor einem „Hot Priest“ (Andrew Scott) nicht halt.

Das Geniale an dieser Frauenfigur ist, dass sie sich gängigen Fernsehklischees entzieht. Sie ist auf ihre eigene Art verrückt, aber nicht pathologisch. Sie ist witzig, ohne überdreht zu wirken, und in vielerlei Hinsicht feministischer als viele ihrer Vorgängerinnen. Wenn sie die vierte Wand durchbricht und den Zuschauer direkt anblickt, erinnert das an Frank Underwood in seinen besten House of Cards-Zeiten – doch im Gegensatz zu dem alten Zyniker reflektiert Fleabag ihr Handeln. Die zweite und leider letzte Staffel bot zudem eine der schönsten Schlussszenen des damaligen Serienjahres. Ein Fuchs läuft durchs Bild und… ach, schauen Sie es sich am besten einfach selbst an.