Leinwandhelden unter Druck: Wenn sportliche Obsession zum Kinoerfolg wird

Die Faszination für Ausnahmetalente, die unter extremem psychischen Druck über sich hinauswachsen, ist im Kino ungebrochen. Ob auf der eisigen Piste von Innsbruck oder an der grünen Tischtennisplatte im New York der 50er Jahre – die Geschichten von Athleten, die alles auf eine Karte setzen, ziehen das Publikum magisch an. Aktuelle Beispiele aus der Filmwelt zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich Regisseure das Streben nach Ruhm inszenieren, sei es durch die historische Aufarbeitung eines österreichischen Nationalheiligtums oder durch eine schrille, rekordegebende Farce aus dem Hause A24.

Ein Denkmal für den Kaiser der Abfahrt

In Österreich genießt Franz Klammer einen Status, der weit über den eines gewöhnlichen Sportlers hinausgeht. Er ist eine lebende Legende. Mit fünf Gesamtsiegen im Abfahrts-Weltcup und 25 Einzelsiegen in dieser Disziplin gilt er bis heute als der erfolgreichste Abfahrtsläufer der Geschichte. Doch der definierende Moment seiner Karriere war zweifellos der Ritt zum Gold bei den Olympischen Spielen 1976 am Patscherkofel in Innsbruck. Dieser historische Augenblick wurde im Film „Klammer – Chasing the Line“ verewigt, der im Herbst 2021 seinen Weg in die Kinos fand.

Die Produktion scheute keine Mühen, um die damalige Atmosphäre authentisch einzufangen. Julian Waldner übernahm die Rolle des jungen Skistars, während Valerie Huber seine Freundin Eva verkörperte. Für die nötige sportliche Glaubwürdigkeit sorgte niemand Geringeres als Daron Rahlves, der Super-G-Weltmeister von 2001. Der US-Amerikaner doubelte Klammer in den spektakulären Rennszenen und imitierte dessen riskanten Fahrstil perfekt.

Zwischen Erwartungsdruck und Lebensschule

Der Film thematisiert vor allem den immensen Druck, der auf dem damals erst 22-jährigen Klammer lastete. Eine ganze Nation erwartete nichts weniger als den Olympiasieg. Klammer selbst blendete die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit damals weitestgehend aus, da sein eigener Anspruch bereits maximal war: Nach zahlreichen wichtigen Siegen wäre alles andere als Gold für ihn eine persönliche Katastrophe gewesen. Es war das wichtigste Rennen seines Lebens, bei dem er, wie es der Titel eines Artikels treffend formulierte, „die Sau rauslassen“ musste.

Rückblickend betont Klammer, wie sehr ihn der Sport für das Leben geformt hat – insbesondere durch Niederlagen. Als er mit 16 Jahren aus dem Kader geworfen wurde, riet ihm sein Vater, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen. Doch der junge Franz bat um eine letzte Chance: Ein Jahr wollte er es noch versuchen. Der Vater willigte ein, Klammer setzte sich durch, und der Rest ist Sportgeschichte. Sein damaliges Lebensmotto, Herausforderungen anzunehmen und das Beste daraus zu machen, hat für ihn bis heute Gültigkeit.

Rekordjagd an der Kinokasse

Während Klammers Geschichte von Disziplin und alpenländischer Härte geprägt ist, sorgt auf der anderen Seite des Ärmelkanals derzeit eine völlig andere Art von Sportfilm für Furore. Timothée Chalamet hat mit „Marty Supreme“, einer Dramödie über die Tischtennis-Szene, die britischen Kinocharts im Sturm erobert und dabei sämtliche Rekorde des Indie-Studios A24 gebrochen.

Bereits am 6. Januar bestätigten Quellen, dass der Film offiziell die umsatzstärkste Veröffentlichung des Studios in Großbritannien ist. Mit einem Einspielergebnis von 8,6 Millionen Dollar überholte der Streifen den bisherigen Spitzenreiter, Alex Garlands Thriller „Civil War“, in weniger als zwei Wochen. Allein am ersten Wochenende spielte die Geschichte um den arroganten, aber brillanten New Yorker Marty Mauser in rund 130 Kinos 4,38 Millionen Dollar ein. Damit ließ Chalamet sogar die Konkurrenz von Paul Thomas Andersons Polit-Thriller „One Battle After Another“ hinter sich, der zeitgleich startete.

Virales Marketing und exzentrische Idole

Der Erfolg von „Marty Supreme“, vertrieben durch Entertainment Film Distributors, ist nicht zuletzt einer höchst ungewöhnlichen Marketingkampagne geschuldet. Chalamet, dessen Charakter lose auf dem Tischtennis-Champion Marty Reisman aus den 1950ern basiert, nutzte virale Momente geschickt für die Promotion. Tausende Fans standen in London Schlange, um Merchandise-Artikel zu ergattern, die im entferntesten an orangefarbene Ping-Pong-Bälle erinnerten.

Besonders skurril war Chalamets Ehrerbietung an die britische Sängerin Susan Boyle. In einem Interview mit der BBC bezeichnete er sie als eines seiner Idole, da sie „größer geträumt hat als wir alle“. Diese Aussage, gepaart mit dem Geschenk einer ikonischen Filmjacke an Boyle, sorgte für Sympathiepunkte bei den Briten. Gleichzeitig befeuerte der Schauspieler Gerüchte um seine musikalischen Ambitionen, indem er unter dem Pseudonym EsDeeKid kurz vor Weihnachten in einem Rap-Video auftauchte. Der Clip, in dem er über seine Filmrolle rappt, ging viral und passte perfekt zur Tagline des Films: „Dream Big“. So unterschiedlich die Welten von Franz Klammer und der fiktionalisierten Version von Marty Reisman auch sein mögen, im Kern erzählen beide Filme dieselbe Geschichte: Vom unbedingten Willen, die eigene Spur zu ziehen – sei es im Schnee oder auf der Tischtennisplatte.