Der Kölner Arbeiter Fred Fussbroich und die ursprüngliche Besetzung von „Saturday Night Live“ (SNL) in New York scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben. Doch beide Phänomene prägten ihre jeweilige Fernsehlandschaft nachhaltig, obwohl ihre Entstehungsgeschichten von Zweifeln, falschen Erwartungen und, im Falle von SNL, sogar von ausgesprochen schlechtem Fernsehen geprägt waren. Sie wurden zu Ikonen, obwohl – oder gerade weil – sie mit den Konventionen brachen.
Der unwahrscheinliche Star aus Köln
Fred Fussbroich gilt heute manchen als einer der ersten deutschen Reality-TV-Stars. Dabei war die Intention der Dokumentarfilmerin Ute Diehl, als sie 1989 begann, die Kölner Arbeiterfamilie für den WDR zu begleiten, eine völlig andere. Sie handelte erklärtermaßen aus einem sozial- und kapitalismuskritischen Impuls heraus. „Erzählen wollte ich, dass der Konsum die Menschen beherrscht und manipuliert“, sagte Diehl einst dem Spiegel.
Konsumkritik als Unterhaltung
Auf eine Art gelang dies auch. Die 100 Episoden, die zwischen 1990 und 2003 ausgestrahlt wurden, zeigten Vorarbeiter Fred, Sekretärin Annemie und Sohn Frank vornehmlich beim Konsum: beim Einkauf für die plüschig eingerichtete Genossenschaftswohnung, im Pauschalurlaub oder bei diversen Schönheitsbehandlungen. Der Konsum war das ständige Opium dieser Familie. Indem Fred gerade in frühen Folgen viele seiner Sätze mit „Der Arbeitsmann …“ einleitete, erhielt das Dargestellte stets auch eine gesellschaftliche, über das Private hinausweisende Dimension.
Zwischen Entfremdung und Herz
Verließ die Familie jedoch die ausgetretenen Konsumpfade, wirkte sie oft hilflos, fast kindlich. Ein Experiment, ausnahmsweise ein Möbelstück zum Selbstaufbau zu erwerben, brachte Annemie und Fred an ihre Grenzen. Großartig und zugleich erschütternd ist die Folge, in der die versierten Cluburlauber sich im eigenen Wagen auf eine Spritztour in die Eifel wagten und sich bereits auf der Kölner Stadtautobahn heillos verfransten. Theoretisch war dies der perfekte Beleg für die Entfremdung des westdeutschen Arbeiters von seiner unmittelbaren Umwelt durch die Bequemlichkeiten des Kapitalismus. Doch die Rechnung des postmaterialistisch angehauchten Bildungsbürgertums, das hier eine Serie zum „Leicht-nach-unten-Schauen“ erhielt, ging nicht ganz auf. Fred Fussbroich war, zumindest in der Darstellung der Serie, ein grundguter Typ. Er trug, ganz rheinisch, „et Hätz om rechte Fleck“ – meist direkt auf der Zunge.
Die Wette auf das „Undenkbare“
Während die Fussbroichs das deutsche Fernsehen eher unbeabsichtigt revolutionierten, war der Start von „Saturday Night Live“ in den USA ein kalkuliertes, wenn auch hochriskantes Unterfangen. Rückblickend erscheint die Idee von 1975 wahnsinnig: Der begehrteste Sendeplatz im US-Fernsehen, üblicherweise für Quotenbringer wie Spielshows reserviert, sollte an eine unkonventionelle, satirische Sketch-Show gehen. Fast niemand glaubte an einen Erfolg. Das Netzwerk hoffte Berichten zufolge sogar auf ein schnelles Scheitern, um das Risiko beenden und auf traditionelles Programm zurückgreifen zu können.
Inspiriert von „Schrott-TV“
Die treibende Kraft war Lorne Michaels, damals in der Branche zwar respektiert, aber keineswegs ein Star-Produzent. Sein Team war eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Außenseitern, die den Mix aus albernem und todernst-sarkastischem Humor perfekt verkörperte. Der zündende Funke für die Show entstand, als die späteren Autoren Al Franken und Tom Davis eines Abends fernsahen. Die damalige Comedy-Landschaft war begrenzt. Davis erinnerte sich an die „Sonny and Cher“-Show, die er schlicht als „a piece of shit“ (ein Stück Schrott) bezeichnete. Frustriert von der mangelnden Qualität und dem Wissen, dass sie in bestehende Formate wie Johnny Carson nicht passten, entwarfen sie aus Spaß ihre eigene perfekte Show – im Grunde eine Blaupause für SNL.
Vom Risiko zur Talentschmiede
Michaels ging das Wagnis ein. Er stellte Franken und Davis sogar ein, ohne sie je getroffen zu haben, obwohl das Netzwerk aufgrund der Umzugskosten von L.A. nach New York warnte. Der Rest ist Fernsehgeschichte. SNL trotzte allen Erwartungen und wurde zu einer amerikanischen Institution. Die Show besaß einen „Midas-Touch“: Die erste Besetzung mit John Belushi, Chevy Chase und Dan Aykroyd brachte Comedy-Legenden hervor. Über die Jahrzehnte folgten Stars wie Bill Murray, Mike Myers, Tina Fey, Maya Rudolph und bis hin zu Pete Davidson. Es war der ultimative Beweis, dass ein Risiko, das aus der Frustration über „Trash-TV“ geboren wurde, die Kulturgeschichte verändern kann.