Von flüchtenden Löwen und fiktiven TV-Millionen: Das unberechenbare Geschäft mit der Fernseh-Kultur

Das Fernsehen ist eine merkwürdige Maschinerie. Für die einen ist es ein Marketing-Sprungbrett, das irgendwann schlicht zu viel Zeit vom eigentlichen Kerngeschäft frisst, für die anderen ein unerschöpflicher Goldesel, der weit über das letzte Serienfinale hinaus funktioniert. Wie stark diese Kontraste in der Verwertung von TV-Formaten ausfallen, zeigt ein Blick auf die aktuellen Entwicklungen hinter den Kulissen.

Bei Vox lichtet sich aktuell das Rudel der „Höhle der Löwen“. Nils Glagau und Tillman Schulz, die die Gründershow lange Zeit spürbar mitgeprägt haben, schmeißen hin und werden bei künftigen Dreharbeiten nicht mehr als Investoren auf den Sesseln sitzen. Ganz so abrupt ist der Abschied für die Fans dann aber doch nicht. Am 10. Dezember flimmert noch das große Special „Die Höhle der Löwen – Endlich Weihnachten!“ über die Bildschirme, bei dem Glagau und Schulz gemeinsam mit Judith Williams, Dagmar Wöhrl und Ralf Dümmel das Jahr ausklingen lassen. Auch in der bereits produzierten Frühjahrsstaffel 2025 sind die beiden noch mit von der Partie.

Kirsten Petersen, die Programmgeschäftsführerin von Vox, schickte den beiden Investoren den branchenüblichen Dank für die erfolgreiche Zusammenarbeit in den vergangenen Staffeln hinterher. Ihre Begründung für den Ausstieg bringt das Dilemma vieler TV-Investoren eigentlich ziemlich exakt auf den Punkt: Wer viel Zeit in lange Drehtage und die anschließende Betreuung der abgeschlossenen Deals steckt, kriegt das TV-Projekt irgendwann kaum noch mit dem eigenen Privatleben und den eigentlichen beruflichen Verpflichtungen unter einen Hut.

Während reale Investoren also das TV-Studio verlassen, um sich wieder ihrem echten Business zu widmen, nimmt ein rein fiktives Firmenimperium gerade erst so richtig Anlauf auf den globalen Markt. Sony Pictures Television hat sich mit der Agentur IMG Licensing zusammengetan, um das gesamte „Breaking Bad“-Universum in eine massive Cashcow für Consumer Products, Markenpartnerschaften und immersive Fan-Erlebnisse zu verwandeln. Es ist das erste Mal überhaupt, dass Sony eine externe Agentur beauftragt, ein weltweites Lizenzprogramm für dieses Franchise hochzuziehen. IMG bringt dabei einiges an Branchenerfahrung mit und hat im vergangenen Jahr bereits Lizenzen für Marken wie StudioCanal, die Autorin Sarah J. Maas oder auch „Der kleine Prinz“ verwaltet.

Der mehrjährige Deal umfasst das komplette Paket. Es geht nicht nur um die Emmy-prämierte Flaggschiff-Serie (2008-2013), die den Aufstieg des krebskranken Chemielehrers Walter White zum berüchtigten Unterwelt-Boss nachzeichnet, sondern auch um das Prequel „Better Call Saul“ (2015-2022) und den Spielfilm „El Camino“ (2019) mit Rückkehrer Aaron Paul. Gemeinsam mit Serienschöpfer Vince Gilligan will man nun strategische Partner in Schlüsselkategorien wie Premium-Bekleidung, Sammlerstücken, Food und Beverage, Home Decor sowie Publishing identifizieren. Sogar Reiseangebote und sogenannte „experiential Activations“ sind in der Mache.

Jennifer Rogers Doyle, Executive Vice President of Franchise bei Sony Pictures TV, verwies auf die enorm loyale Fanbase, die in der Fernsehlandschaft ihresgleichen sucht. IMG sei genau der richtige Partner, um Gilligans Welt authentisch über den Bildschirm hinaus in die Realität zu übersetzen. Desmond Sansevere, VP bei IMG Licensing, sieht das ähnlich und betonte die kulturelle Wucht von Figuren wie Walter White, Jesse Pinkman und Saul Goodman. Das Franchise habe sich seinen Platz im popkulturellen Zeitgeist für kommende Generationen regelrecht zementiert. Das Ziel dieses Mega-Deals ist klar formuliert: Langjährige Hardcore-Fans sollen genauso abgeholt werden, wie man gleichzeitig ein völlig neues Publikum an die Serie heranführen will. Manche Akteure verlassen die TV-Bühne eben, weil die Realität ruft – und andere erschaffen eine Marke, die so dominant ist, dass sie die Realität schlichtweg übernimmt.